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Was spielt man gegen einen GM?

Was spielt man gegen einen GM?

am 4. September 20201 Kommentar

Ein Gambit, was denn sonst?! Marius Deuer präsentierte sich beim Innsbrucker Schachfestival als großmeisterlicher Spielverderber.

Manch älterer wird sich wohl noch an die Zeit erinnern, als sich Schachspieler noch von Angesicht zu Angesicht gegenübersaßen, Figuren über das Brett flogen, Hieroglyphen auf Partieformulare notiert wurden und Schachuhren in Zeitnotschlachten zu Bruch gingen (hä wie, da gibt es keine Premoves?). Was sich anfühlt wie eine verblassende Erinnerung an eine längst vergangene Zeit, ist tatsächlich in Teilen wieder möglich: analoges Schachspielen! So beispielsweise Ende August beim vierten Internationalen Schachfestival in Innsbruck. Neben einigen anderen bekannten Namen aus der deutschen Schachszene war auch ein Ulmer auf der Teilnehmerliste zu finden: Marius Deuer nutzte die Gelegenheit, etwas Spielpraxis zu sammeln und nebenbei zu zeigen, dass er seine schachlichen Hausaufgaben während der Corona-Pause erledigt hat.

Das hat er.

Und wie.

Seine größte Prüfung im Turnier erwartete Marius gleich in der ersten Runde in Gestalt des Setzranglisten-Ersten Nikita Meshkovs, lettischer Großmeister, 2585 Elo schwer und in der Bundesliga für die SG Speyer-Schwegenheim aktiv. Ziemlich viel Superlative für so eine erste Runde. Doch Marius zeigte sich unbeeindruckt, spielte mutig und unerschrocken, und brachte Goliath in einer furiosen Partie mächtig ins Schwanken. Besser, ihr schnallt euch an und setzt einen Schutzhelm auf. Es folgen einige Highlights der Partie, kommentiert durch meine geballte schachliche (In-)Kompetenz:

Die erste kritische Stellung der Partie. Über Umwege gelangte die Partie in katalanisches Fahrwasser, in dem Marius mit den weißen Steinen prinzipiell den Bauern c4 opferte und im Gegenzug ein ansehnliches Bauernzentrum errichten konnte. Schwarz hat es währenddessen geschafft, einen Springer tief im weißen Lager zu installieren. Doch wie sicher ist er da? In dieser scharfen Stellung griff der Großmeister erstmals fehl, denn…

13…Te8?

…war zu langsam. Nun kann Weiß die exponierte Stellung des Springers ausnutzen. Am besten war wohl 13…b5, um die Stütze des Springers prophylaktisch zu überdecken. Eine mögliche Variante lautet: 14.b3 La6 15.d5! mit einer gleichsam unübersichtlichen wie faszinierenden Stellung.

14.b3! 

Unterminiert den Springer, wonach Schwarz bereits in große Not gerät. Seinen einzigen Trumpf in der Stellung, seinen Mehrbauer, wird er nicht halten können.

14…b5 15.?

Wie hat Marius fortgesetzt? Probiert euch mal!

Was folgte, war Chaos und Gemetzel, bei dem mir als Angsthasen-Schachspieler nur vom Zusehen schwummrig wurde. Marius behielt jedoch den Durchblick und konnte seinen Vorteil beständig ausbauen, auch wenn die Partie äußert kompliziert blieb (schaut das nächste Diagramm an, dann wisst ihr, was ich meine):

Marius hat hier drei Bauern mehr und steht natürlich völlig auf Gewinn, aber es ist eben auch eine ziemlich unkonventionelle Stellung, die man nicht locker nach Hause spielen kann, vor allem nicht gegen einen Großmeister, der sich mit Händen und Füßen wehrt. Marius spielte hier den vollkommen logischen Zug 30.Tac1, was den Turm aktiviert und nebenbei 31.e7 androht. Eine andere aussichtsreiche Möglichkeit wäre hier 30.Df5! gewesen, was die unkoordinierte Stellung der schwarzen Figuren ausnutzt, um den schwarzen König anzuspringen. Im nächsten Zug folgt Le4, wonach Schwarz um den fürchterlichen Zug …g6 nicht herumkommt.

Eine weitere kritische Entscheidung musste Marius im 36. Zug treffen:

Marius bot hier mit 36.De1 den Damentausch an. Vor dem Hintergrund möglicher Zeitnot eine verständliche Entscheidung, um in ein Endspiel mit zwei Mehrbauern abzuwickeln. Vermutlich hätte die weiße Königin die Gewinnführung aber erheblich erleichtert. Mein Computer schlägt beispielsweise 36.Lxa6 Dxa6 37.Df5 vor, wonach Schwarz immer mal auf Se4-e6 oder De4-e8-Manöver achten muss. Nach dem Damentausch ist das Endspiel natürlich nach wie vor gewonnen für Weiß, aber in den Händen eines Großmeisters kann das schwarze Läuferpaar unangenehmes Gegenspiel kreieren.

Am Ende schaffte es der Favorit, Marius in ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern zu zwingen, wo Marius schließlich ins Remis einwilligte, ein Ergebnis, womit der Großmeister mehr als gut bedient war. Eine fantastische Leistung von Marius und sicherlich ein Meilenstein seiner bisherigen Schachkarriere!

In der folgenden Runde traf Marius erneut auf einen Großmeister, dem er aber unterlag. Nach einem weiteren Remis in der dritten Runde konnte er in der vierten Runde seinen ersten Sieg einfahren, dem noch drei weitere, unter anderem gegen einen FM, folgen sollten. Am Ende gewann Marius mit 5,5 Punkten aus neun Partien den U14-Preis, genauso wie im parallelen Blitzturnier. Läuft, würde ich sagen.

Hier geht es zu den detaillierten Ergebnissen, und hier könnt ihr Marius‘ Partie gegen den GM vollständig nachspielen.

Auflösung:

Marius spielte hier  15.Sxb5!, was der Großmeister vermutlich aus der Entfernung übersehen hatte. Nach der logischen Zugfolge 15…Txb5 16.bxc4 Sxf2 (erzwungen, weil Turm und Springer hängen), 17.cxb5 Sxd1 18.Txd1 steht Weiß dank seines deutlichen Raumvorteils im Zentrum und am Damenflügel besser. Der Großmeister probierte statt 15…Txb5 das kreative 15…Sa5!? 16.bxc4 Sb2, um im Trüben zu fischen, doch Marius fand die besten Züge: 17.Dxb2 Sxc4 18.De2! (ansonsten kommt 18…Sxe3 nebst 19…Txb5) 18…Sxe3 19.fxe3 La6 20.a4 c6, wonach Schwarz die Figur zurückgewann, aber dennoch mit Minusbauer und schlechterer Stellung verblieb.

 

 

1 Kommentar

  • Grandiose Leistung von Marius! Und Alex: Dein Beitrag ist nicht nur informativ, sondern auch super unterhaltsam formuliert. Weiter so!