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„Weiß beginnt, Schwarz gewinnt“ – Kurioser Saisonauftakt für die Vierte

„Weiß beginnt, Schwarz gewinnt“ – Kurioser Saisonauftakt für die Vierte

am 28. September 20191 Kommentar

Zu Beginn der neuen Kreisliga-Saison betrieb unsere vierte Mannschaft aktive Traumabewältigung.

SC Weiße Dame Ulm 4 – TSG Ehingen 1   4,5:3,5

Denn an das letzte Aufeinandertreffen mit dem diesjährigen Auftaktgegner denkt man in der Vierten bestimmt nicht gerne zurück: am 2. Spieltag der letzten Saison wurde man auswärts  ziemlich übel mit 1,5:6,5 weggeklatscht. Keine Frage also, da sollte Wiedergutmachung betrieben werden – und gleichzeitig der erste Schritt in Richtung des erklärten Ziels, den Klassenerhalt, gemacht werden.

Personell hat sich über die Sommerpause nicht viel verändert: Matthias Goppelt, der in der zweiten Saisonhälfte maßgeblich am Erfolg der Vierten beteiligt war, darf sein Können nun in der dritten Mannschaft unter Beweis stellen, genauso wie Haims Haitovs. Dafür bekommt die Vierte nun ein(en) FM ins Team – na ja, schön wär’s, aber Familienmitglied des Mannschaftsführers stimmt zumindest. Meine Wenigkeit wird in der kommenden Saison wieder in der Vierten spielen. Weniger Spiele lassen sich dann doch besser mit der Uni vereinen. Ob das die oben genannten Abgänge gleichwertig ersetzt, wird sich erst noch zeigen. Gegen Ehingen mischte ich zumindest noch nicht mit. Während meine Mannschaftskollegen sich den Gästen von der Schmiech gegenüberstellten, war ich Wandern und Steineklopfen in Vorarlberg. Zu meiner Entschuldigung: es war eine Uni-Exkursion und deswegen nicht ganz freiwillig. Gold habe ich zwar nicht gefunden, dafür immerhin eine beeindruckende Aussicht:

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Während ich also auf der Suche nach Seewerkalk und Brisisandstein durch die Alpen stapfte (Kennt jemand ein Rezept gegen Muskelkater?) lieferten sich die Akteure im fernen Ulm einen packenden Mannschaftskampf, der den Schwarzspielern sicherlich deutlich mehr Freude bereitete als den Weißspielern. Alle Siege gingen an diesem Tag an die Nachziehenden (!), und das teilweise auf sehr eindrucksvolle, ja geradezu brutale Art und Weise.

Beginnen wir am ersten Brett, wo Frederic Goda den Taimanow-Sizi entkorkte und den experimentellen weißen Aufbau schnell widerlegen konnte. Nachdem das Zentrum fest in seinem Besitz war, startete er einen sehenswerten Angriff gegen den kurz rochierten weißen Monarchen. Weiß stemmte sich diesem entgegen, schwächte dabei seine Königsstellung aber nachhaltig, sodass der Angriff erst recht ins Rollen kam. Schlussendlich wurde es zwar nicht Matt, aber ein Damengewinn reicht schließlich auch aus. Eine beeindruckende Partie von Fred am Spitzenbrett – vielleicht sollte ich die kommenden Spieltage doch wieder Steine suchen….

Erich Bornmüller (2) konnte im Abgelehnten Damengambit keinen Vorteil erzielen und landete in einem etwas schlechteren Turmendspiel, das er lange stark verteidigte. Wie so oft nach einem aufreibenden Verteidigungskampf greift man aber dann doch einmal fehl. So passierte es leider auch Erich, der anschließend die Waffen strecken musste. Das spannende Endspiel verdient es, etwas genauer besprochen zu werden:

An dieser Stelle drohte Schwarz 42…Tb2 nebst c3-c2 und Kc1-b1. 42.Tb3! wäre der einfachste Weg zum Remis gewesen, z.B. 42…c2 43.Tb7! und der schwarze König steckt fest und steht seinem eigenen Bauern im Weg. Weiß kann aber auch  mit 42.Tb7! ehrgeiziger spielen. Auf 42…Tb2 (42…c2 43.g5= und der schwarze König steckt wieder fest) folgt 43.Txf7 c2 44.Txh7! (siehe Diagramm)

Wer spielt denn hier auf Gewinn? Schwarz am Zug – wie würdet ihr spielen? Die Auflösung findet ihr am Ende!

Gegen den Sizilianer von Norbert Kelemen (3) reagierte der Ehinger mit einem Hybridsystem aus Grand-Prix-Angriff und c3-Sizilianer, was zu einem scheinbar mächtigen Bauernzentrum mit d4,e4 und f4 führte. Auf den zweiten Blick allerdings offenbarten sich eben jene Zentrumsbauern eher als Schwächen denn als Stärken, was Norbert schnell auszunutzen wusste. Zunächst fiel der Bauer d4 durch das Zusammenspiel der schwarzen Dame mit ihren Rössern, anschließend entschied ein weiterer Bauernverlust im Turmendspiel die Partie schließlich zugunsten unseres Mannschaftsführers.

Bei Radovan Kikic (4) wurde es dann kurios: nach erneut ungewöhnlicher Eröffnungsbehandlung beider Seiten schluckte Radovan einen vergifteten Bauern und hätte eigentlicht eine Figur verloren – wenn der Gegner nicht sein Remisangebot angenommen hätte. Auch Ljubisav Topalovic (6) hatte Glück, dass sein Gegner einen Figurengewinn übersah. In einem Schwerfigurenendspiel mit drei Minusbauern konnte Ljubisav beständig Probleme bereiten, Material zurückgewinnen und schließlich am Tag der Turmendspiele ins Remis entkommen.

Einen Pfeil hatten die Münsterstädter anschließend noch im Köcher. Berthold Sauter (5) wusste das riskante Spiel seines Gegners auszunutzen und überrannte förmlich die geschwächte weiße Königsstellung. Nach 27 Zügen war Schicht im Schacht.

Mr. Zuverlässig alias Dominik Cirillo (7), der schon in der vergangenen Saison als Ersatzspieler wichtige Punkte für die Vierte geholt hat, war auch in diesem Spiel dem Sieg wieder ganz nahe. Allerdings übersah auch er einen Figurengewinn und musste sich schließlich trotz Mehrqualität im Endspiel ins Remis fügen. Ilya Zormatova (8), der für den kurzfristig erkrankten Bernd Rieken ins Team gerutscht war, riskierte mit den weißen Steinen zu viel und wurde ausgekontert.

Wie ist das Ergebnis einzuordnen? „Nicht unverdient, aber auch etwas glücklich“ scheint mir eine passende Beschreibung zu sein. Zwar gab es auch auf unserer Seite verpasste Chancen, dennoch wäre ein 4:4 sicherlich das gerechtere Ergebnis gewesen. Doch wie sagte kürzlich ein gewisser Rekord-Nationalspieler? „Wäre, wäre, Fahrradkette“ – in diesem Sinne kann sich die Vierte zurecht über die Revanche für letzte Saison und den geglückten Saisonstart freuen. Ende Oktober trifft die Vierte dann auf Jedesheim.

Br. SC Weiße Dame Ulm 4 TSG Ehingen 1 4,5:3,5
1 Goda, Frederic (1657) Saum, Hermann (1850) 1:0
2 Bornmüller, Erich (1594) Hymer, Heiko (1668) 0:1
3 Kelemen, Norbert (1592) Jaganjac, Merdad (1601) 1:0
4 Kikic, Radovan (1511) Ojstosek, Mirko (1414) ½:½
5 Sauter, Berthold (1328) Beck, Georg (1575) 1:0
6 Topalovic, Ljubisav (1289) Egle, Arthur (1460) ½:½
7 Cirillo, Dominik (1452) Scholz, Michael (1421) ½:½
8 Zormatova, Ilya (1351) Dorer, Manfred (1572) 0:1

Zur 4. Mannschaft

Auflösung: Wer wie ich 44…Kb1?? gezogen hätte, wäre wahrscheinlich sehr schmerzlich von 45.Tc7! überrascht worden – Weiß opfert seinen Turm und gewinnt das Endspiel mit vier verbundenen Freibauern gegen den Turm. Schwarz muss also alle Siegesträume begraben und das spektakuläre 44…Tb7!! finden. Ein bekanntes Motiv. 45.Txb7 ist Patt, und Weiß kann der Remisschaukel nicht mehr entkommen, z.B. 45.Th6 Tb6! 46.Th5 Tb5! und Remis, sofern Weiß nicht durchdreht und 47.g5???? spielt 😉

1 Kommentar

  • Falco Nogatz

    Danke, Alex, für den wieder einmal tollen Bericht! Ich drücke Euch aus der Ferne wieder die Daumen, und wünsch Euch alles Gute für die anlaufende Saison 🙂