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Zweite stoppt den freien Fall

Zweite stoppt den freien Fall

am 27. November 20183 Kommentare

In einem spannenden, engen Match konnte unsere Zweite am Sonntag vor einer Woche (18.11.) gegen den TSV Langenau einen Sieg erringen.

SC Weiße Dame Ulm 2 – TSV Langenau 2   4,5:3,5

Nach zuletzt zwei Niederlagen in Folge stand unsere zweite Mannschaft vor dem Spiel gegen Langenau bereits gehörig unter Druck. Da half es nicht unbedingt, dass mit Langenau 2 eine Mannschaft zu Gast war, gegen die aus den vergangenen vier Begegnungen lediglich ein Mannschaftspunkt zu holen war, wobei selbst dieser in der letzten Saison erzielte Punkt mehr als schmeichelhaft für uns war. Dennoch sollte nun unbedingt ein Sieg her – ansonsten würde die weitere Saison ziemlich ungemütlich werden.

Es sollte ein ganz enges Match werden, mit vielen Aufs und Abs, persönlichen Tragödien und Triumphen – vor allem aber mit richtig spannendem Schach. Daher entschuldige ich mich gleich hier, falls der Bericht etwas lang ausfällt. Es lohnt sich aber, in manche Partien etwas tiefer reinzuschauen, da neben spannenden Theorieduellen, spektakulären Matts und lehrreichen Endspielen ziemlich viel geboten war. Vorweg möchte ich mit gleich mal für mögliche s(ch)achliche Fehler entschuldigen – da meine Spielstärke eben nur sehr begrenzt ist, und sicherlich auch unter der manch eines Lesers liegt, möchte ich dazu einladen, die Kommentarfunktion zu nutzen, sollten Fehler oder Ungenauigkeiten auftreten. Nun aber genug der einleitenden Worte – schnallt euch an, los geht’s!

Die Eröffnung des Tages war Grünfeld-Indisch – in gleich drei Begegnungen stand sie zur Debatte. Angefangen mit der Partie an Brett 1, wo Heiko Sieber mit den schwarzen Steinen durch Zugumstellung im Russischen System des Grünfeldinders landete. Im Gegensatz zu den Hauptsystemen, in denen Weiß nach den Anfangszügen 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.cxd5 Sxd5 5.e4 Sxc3 6.bxc3 Lg7 das Zentrum übernimmt, und dieses in der Folge gegen die schwarzen Attacken verteidigen muss, spielt Weiß hier bescheidener mit 4.Sf3 Lg7 und 5.Db3. Nach wenigen Zügen verließen die beiden Kontrahenten die bekannten theoretischen Pfade, wobei Heiko ziemlich problemlos ausgleichen konnte. Es entwickelte sich ein über weite Strecken ausgeglichenes Mittelspiel, bis sich Weiß dazu entschloss, die Stellung am Damenflügel abzuschließen. Danach verblieb Schwarz allerdings mit Raumvorteil im Zentrum, und da es dem Anziehenden an einem befreienden Bauernhebel mangelte, musste er sich fortan mit einer gedrückten Stellung begnügen. Auch wenn der schwarze Vorteil nur minimaler Natur zu sein schien, spielte sich die Stellung für Heiko doch wesentlich einfacher. Irgendwann versuchte Weiß es mit der Brechstange – ein Läuferopfer führte allerdings nicht zum erhofften Gegenspiel. Den Materialvorteil verwertete Heiko schließlich sicher in einen vollen Punkt, sein nun zweiter Sieg am Spitzenbrett.

Thomas Hartmann (2) steuerte mit Weiß die klassische Abtauschvariante im Damengambit an. Eine kreative Neuerung des Schwarzen im 9. Zug führte dann aber zu einem für diese Variante völlig untypischen Mittelspiel: statt ruhig positionell, entwickelte sich ein taktisches Gekloppe mit Figurenopfern auf beiden Seiten. Am Ende blieb Thomas mit einer Mehrqualität stehen, allerdings war die Verwertung derselben im Endspiel nicht einfach, da Schwarz dank eines aktiven Springers über lange Zeit Unruhe stiften konnte. Thomas behielt aber einen kühlen Kopf, verbesserte nach und nach seine Stellung und konnte schließlich ebenfalls einen vollen Punkt einfahren.

Jürgen Bühler (3) beantwortete das Weiße 1.d4/2.c4 mit der Slawischen Verteidigung. Der Langenauer entschied sich für ein e3-System, das die sehr theorielastigen Hauptsysteme vermeidet, dem Anziehenden aber dennoch realistische Chancen auf einen Eröffnungsvorteil verspricht. Die beiden Kontrahenten landeten in einem ausgeglichenen Mittelspiel, in dem Weiß Raumvorteil im Zentrum besaß, Schwarz dagegen dank eines unantastbaren Springers auf d5 aber nie schlechter stehen konnte. Die Partie endete dann aber sehr abrupt, ein vergifteter Bauern kostete Jürgen eine Figur – dieser Punkt ging an Langenau.

Bei Helmut Deißler (4) war es dann wieder Grünfeld-Indisch, wobei Helmut nach den oben genannten Hauptzügen mit 7. Lg5!? eine zwar relativ selten gespielte, aber durchaus interessante Variante wählte. In gewisser Weise handelt es sich dabei um die kleine Schwester der deutlich häufiger gespielten 7.Le3-Variante, die vor allem dank spektakulärer Siege von Karpov und Kramnik bekannt geworden ist. Kleine Schwester deshalb, weil viele Ideen identisch sind: Weiß möchte zügig Tc1 spielen, um seinen c-Bauern zu decken, um dann zu d5 zu kommen. Der Läufer auf g5 kann sich wegen der Fesselung des schwarzen e-Bauern als lästig erweisen, und sollte Schwarz dem Läufer mittels …h6 einen Tritt verpassen, so antwortet Weiß mit Le3 und behauptet nun, dass der Einschub von h6 dem Schwarzen nicht zum Vorteil gereicht (z.B wird Dd2 nach der unvermeidlichen schwarzen Rochade immer mit Tempo kommen). Natürlich hat der kecke Läuferzug auch Nachteile – so verteidigt er im Gegensatz zu 7.Le3 nicht den Bauern d4, einem im Grünfeld-Inder besonders verwundbaren Punkt. Helmuts Eröffnungswahl erwies sich als goldrichtig. Ausgangs der Eröffnung war sein starkes Zentrum weiterhin unangetastet, außerdem besaß er Entwicklungsvorteil. Als er mit einem Turm nach c7 eindringen konnte, war Schwarz endgültig zu passivem Spiel verdammt. In der Folge konnte Helmut einen Bauern erobern und in ein gleichfarbiges Läuferendspiel abwickeln, das er dank feiner Endspieltechnik für sich entscheiden konnte.

Gegen den Grünfeld-Inder von Philipp Lerche (5) packte der Langenauer 4.Sf3 gefolgt von 5.Lg5 aus, was der Berichterstatter vorher noch nie gesehen hat, laut Datenbank aber durchaus öfter zur Debatte steht. Schnell tauschten sich einige Leichtfiguren, nach 19 Zügen stand ein Doppelturmendspiel mit gleichfarbigen Läufern auf dem Brett. Die Partie verließ im weiteren Verlauf nie die Remisbreite, auch nicht, als Weiß seinen Läufer für 2 Bauern opferte. Da keine Seite im Gewinnsinne Fortschritte machen konnte, einigte man sich folgerichtig auf Remis.

Das Geschehen an den Brettern 6 und 7 könnte man wohl treffend mit tragisch-komisch zusammenfassen. Zunächst zu der Partie von Frank Bitter (6), der über weite Strecken eine sehr gute Partie spielte und mit den weißen Steinen in einem seltenen Abspiel der Englischen Eröffnung (ich spare mir an dieser Stelle eine Anspielung an den Austragungsort der Schach-WM; wie Carlsen in einer Pressekonferenz bemerkte, ist dieses Witz schon etwas verbraucht 🙂 ) früh in Vorteil geriet. Zwischenzeitlich konnte er einen Bauern gewinnen, doch sein erfahrener Gegner leistete starken Widerstand und konnte den Bauern zurückgewinnen. Schließlich landeten die beiden in einem ausgeglichenen Endspiel. Kurz vor der Zeitkontrolle unterlief Frank schließlich ein unglücklicher Fehler, der ein nahezu studienhaftes Matt erlaubt hätte (siehe Diagramm).

Schwarz am Zug kann in 4 Zügen Matt setzen – probiert euch mal! Die Auflösung findet ihr unten.

Schwarz ließ sich diese Möglichkeit entgehen, und trotz des Minusbauern gelang es Frank die Partie in ein Remis abzuwickeln. Ganz wichtig, angesichts des knappen Endergebnisses!

Dass es schlussendlich ein so enger Mannschaftskampf wurde, hängt auch damit zusammen, dass euer Berichterstatter seine schon gewonnen geglaubte Partie innerhalb von zwei Zügen wegwarf. Zunächst wurde ich mit Schwarz gehörig überrumpelt, da mir mein Gegner 1.d4 Sf6 2.f3 (Hä?) d5 3.e4!!?? (Doppel-Hä??) vorsetzte. Ich nahm das Bauernopfer an, doch wie üblich verbrauchte ich viel zu viel Zeit. Es entwickelte sich ein Mittelspiel mit heterogenen Rochaden, wobei ich zwischenzeitlich eine Qualität opferte, dafür aber am Ende drei Bauern mehr hatte und auf einen offenen gegnerischen König spielen konnte. Doch mein Gegner erwies sich als zu stark – zunächst opferte er die Qualität zurück, um mit seiner Dame Zugang auf meine Grundreihe zu erlangen. Der Computer enthüllte, dass es für Schwarz trotz der drei Mehrbauern nur einen Zug gibt, der die Partie tatsächlich in der Gewinnbreite hält – alles andere erlaubt Weiß mindestens Dauerschach. Ich fand den Zug leider nicht, doch damit nicht genug: obwohl mir mein Gegner noch Remis anbot, spielte ich weiter, fest davon überzeugt, weiter auf Gewinn zu stehen – nur um dann festzustellen, dass mein Gegner nebenbei noch ein zweizügiges Matt drohte, dass ich in einem Anfall von Schachblindheit völlig übersehen hatte. So deckte ich stattdessen einen Bauern und schaute nach dem nächsten Zug meines Gegners in die Röhre.

Bleibt noch die Partie von Rüdiger Boeck (8) zu besprechen. Mit den weißen Steinen benantwortete er den schwarzen Drachen-Sizilianer mit frühem f2-f4 und Df3. Alles war also für einen heißen Kampf angerichtet, doch stattdessen kam es eher zu einem Manövrierkampf (und das in einem Drachen!), in denen keine Seite entscheidenden Vorteil erzielen konnte. In einer wahren Seeschlange kam schließlich folgendes interessantes Turmendspiel aufs Brett:

Auch auf die Gefahr hin, dass unser Jugendtrainer Johannes mir am kommenden Freitag den Kopf abreißt, wage ich es einmal, dieses Endspiel zu kommentieren. Wie oben bereits erwähnt, Korrekturen und Ergänzungen sind gerne willkommen! 🙂

Die Frage, ob Weiß dieses Endspiel gewinnen kann, lässt sich meiner Meinung nach auf die Frage reduzieren, ob er die sogenannte Lucena-Stellung erreichen kann, bei der es sich neben der Phillidor-Stellung wahrscheinlich um DIE wichtigste Stellung im Turmendspiel-Universum handelt. Daher sei sie hier exemplarisch gezeigt:

Für alle, die den Gewinnweg nicht kennen (und für die, die ihn kennen, schadet Wiederholung sicher nicht 🙂 ): Weiß am Zug gewinnt in dieser Stellung dank des sogenannten „Brücken-Bau“-Prinzips. Dabei wird der weiße Turm dem König als Schutzschild gegen die Schachgebote des schwarzen Turmes dienen. Der erste weiße Zug erschien mir beim ersten Mal recht mysteriös, doch bald offenbart er seine Absicht:

1. Tf4! Td2

Schwarz versucht weiter, den weißen König festzusetzen. Doch mit dem folgenden Zug schafft sich Weiß Platz für seinen König und leitet den „Brücken-Bau“ ein.

2. Tg4+ Kh7 3. Kf7 Tf2+4. Ke6 Te2+5. Kf6 Tf2+ 6. Ke5 Te2+ 7. Te4

und der weiße Turm schützt den eigenen König vor weiteren Schachs. Schwarz kann nicht mehr verhindern, dass der weiße Bauer zur Dame geht.

Offensichtlich muss Schwarz in der Partiestellung also verhindern, dass Weiß diese Stellung erreicht. Wird er das schaffen? Aus Interesse habe ich recherchiert, ob eine ähnliche Stellung bereits einmal in der Turnierpraxis auftrat und, siehe da: es kam eine ziemlich ähnliche Stellung zwischen zwei Spielern auf das Brett, die wohl keiner Vorstellung mehr bedürfen:

Stellung aus Aronian, L – Carlsen, M , Moskau 2006:

Nach einigen weiteren Zügen erreichten die beiden Spieler folgende Stellung:

An dieser Stelle hätte der damals 16-jährige Carlsen mit 73…Kg6! das Remis halten können. Der schwarze Turm verhindert, dass der weiße König auf die achte Reihe gelangt und eine Art Lucena-Stellung erreicht. Stattdessen spielte er 73…Ta7+? , und nach 74.Ke8 erreicht Weiß die erhoffte Stellung. Es gibt nun tatsächlich keine Rettung mehr; zum Beispiel 74…Ta8+ 75.Td8 Ta6 76.e7 Ta7 77.Td1 Ta8+ 78.Kd7 Ta7+ 79.Ke6 Ta6+ 80.Td6 (Brücke von der Seite 🙂 ) Irgendwie beruhigend, dass auch Schachgenies wie Carlsen in solchen Stellungen fehlgreifen, oder?

Angesichts der Tatsache, dass Carlsen diese Stellung aber hätte Remis halten können, verleitet mich zu der Annahme, dass die Partiestellung von Rüdiger Boeck ebenfalls nur Remis ist. Eine mögliche Zugfolge aus folgender Diagrammstellung könnte lauten:

72.Ke6 Te1

Ich denke, es ist sinnvoll für Schwarz, den Turm hinter den weißen Bauern zu stellen, um das weitere Voranschreiten so schwer wie möglich zu machen.

73. e5 Te2 74. Tf4 Kg7 75.Td4 Te1 76. Kd6

Weiß wird den Bauern nun weiter nach vorne bewegen können. Daher wechselt Schwarz nun auf die a-Linie, um den weißen König von der langen Seite aus mit Schachs belästigen zu können. Dabei gilt: der Turm sollte immer den maximalen Abstand vom gegnerischen König einnehmen. In vielen dieser Endspiele ist es entscheidend, dass der König der stärkeren Seite den verteidigenden Turm nicht angreifen kann!

76…Ta1 77.e6 Ta6+ 78.Ke7 Ta7+ 79.Td7 Ta8 80.Td6 , und nun wäre sogar die identische Stellung aus Aronian-Carlsen erreicht, wo nun 80…Kg6! das Remis sichert.

Ich möchte nicht ausschließen, dass Weiß unterwegs Möglichkeiten hat, Schwarz vor größere Probleme zu stellen, oder sogar einen Gewinnweg hat. Allerdings fällt es mir schwer zu glauben, dass Weiß die Stellung gewinnen kann. Falls aber jemand mehr weiß: ich werde gerne korrigiert! 🙂

Die Partie zwischen Rüdiger und seinem jungen Kontrahenten endete übrigens wie meine Analyse im Remis – das reicht für den Endstand von 4,5:3,5 aus unserer Sicht.

Mit diesem wichtigen Sieg überwindet die Zweite nicht nur ihren Langenau-Komplex, sondern verhindert auch, weiter in der Tabelle nach unten durchgereicht zu werden. Das letzte Saisonspiel im Jahr 2018 findet am 16.12. auswärts gegen Ravensburg statt.

Br. SC Weiße Dame Ulm 2 TSV Langeanu 2 4,5:3,5
1 Sieber, Heiko (1913) Birzele, Albrecht (1998) 1:0
2 Hartmann, Thomas (1894) Erler, Thomas (1914) 1:0
3 Bühler, Jürgen (1916) Gerstberger, Walter (1942) 0:1
4 Deißler, Helmut (1845) Mose, Goswin (1876) 1:0
5 Lerche, Philipp (1804) Wagner, Reiner (1719) ½:½
6 Bitter, Frank (1864) Lachmayer, Manfred (1827) ½:½
7 Kelemen, Alexander (1800) Reichstein, Juergen (1774) 0:1
8 Boeck, Rüdiger (1709) Nagy, Eduard (1558) ½:½

Zur 2. Mannschaft

Auflösung: Schwarz erzwingt das Matt mittels 1…Kf6! (droht g5 Matt), daher ist 2.Txh5 erzwungen. Doch der weiße König kann nicht entkommen: 2…Tae8! (droht T8e4 Matt) 3.Txf5+ gxf5 und Weiß hat nun keine Verteidigung gegen 4…Ld6 mit Matt.

3 Kommentare

  • Boris Berning

    Sehr schöner Bericht!

  • Lars Kinzig

    Respekt für diesen tollen Bericht!!

  • Franziska Fröhlich

    Mit der Einschätzung des Turmendspiels hast du wahrscheinlich absolut Recht, die Verteidigung nennt sich übrigens Kling-Horwitz-Verteidigung. Mit deinem chess24 Premium Account kannst du dir das auch nochmal von GM Jan-Christian Schröder erklären lassen 😉

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